Wo Honigbienen zu Hause sind

aquaterra70 möchte das Wissen um Honigbienen und ihren natürlichen Lebensräumen weitergeben. Der nachfolgende Beitrag wurde von Kristina Vonend auf hobos.de geschrieben:

Unsere Honigbiene (Apis mellifera) hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt. Zwei Wissenschaftler zeigen, dass es heute noch wild lebende Honigbienen in Deutschland gibt.

Nur die wenigsten wissen überhaupt von natürlich nistenden Honigbienenvölkern in Deutschland. “Bienenbäume”, die natürlichen Wohnungen der Honigbienen, sind kaum erforscht und es gibt keine wissenschaftlichen Daten aus Europa über wild lebende Bienenkolonien, die ohne menschliches Eingreifen in Wäldern leben.

Benjamin Rutschmann und Patrick Kohl, Wissenschaftler von HOBOS (www.hobos.de) und vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg wollen das ändern und haben sich im Wald auf die Suche nach wild lebenden Honigbienen gemacht. In den Jahren 2016 und 2017 haben sie zwei Buchenwälder in Deutschland nach natürlich nistenden Honigbienen abgesucht.  

Bei den Waldgebieten handelt es sich um den Nationalpark Hainich in Thüringen und das Biosphärenreservat Schwäbische Alb. Der Hainich wurde ausgesucht, weil er einen der größten zusammenhängenden Laubwälder in Mitteleuropa darstellt. Neben Buchen gibt es dort verschiedene Ahorn- und Lindenarten, die reiche Nektar- und Pollenquellen für Honigbienen und andere bestäubende Insekten darstellen. Die Wälder des Biosphärenreservats Schwäbische Alb waren vor allem aufgrund eines detaillierten Verzeichnisses von Bäumen mit Schwarzspechthöhlen interessant, die jedoch bisher noch nie systematisch auf die Besiedlung durch Honigbienen untersucht worden waren.

Eine für Honigbienen geeignete Höhle benötigt ein Volumen von mindestens 20 Liter, damit die Bienen genug Honig zum Überwintern horten können. Schwarzspechte können solche Höhlen auch schon in Bäumen mittleren Alters schaffen, sodass deren verlassene Wohnungen eine wichtige Ressource für Honigbienen in bewirtschafteten Wäldern darstellen könnten.

Biene auf Weidenkätzchen - Foto: Krzysztof Niewolny auf Pixabay
Biene auf Weidenkätzchen – Foto: Krzysztof Niewolny auf Pixabay

Buchenwälder als Zuhause für wild lebende Honigbienen

In den beiden Waldgebieten haben sie anhand von zwei Methoden eine erste Bewertung des Vorkommens und der Koloniedichte wild lebender Honigbienen vornehmen können. Im Hainich verfolgten Kohl und Rutschmann die Heimflugrouten von Bienen, welche an künstlichen Futterstellen sammelten (“Beelining“-Technik) und konnten auf diese Weise zahlreiche Bienenbäume im Nationalpark nachweisen. In den Buchenwäldern des Biosphärenparks Schwäbische Alb inspizierten sie knapp hundert Habitatbäume mit alten Schwarzspechthöhlen auf das Vorkommen von Honigbienenvölkern. Sieben Prozent dieser Buchen waren von Honigbienen besetzt.  

So fanden sie heraus, dass wild lebende Honigbienenvölker regelmäßig in Baumhöhlen in naturnahen Buchenwäldern mit Dichten von mindestens 0,11-0,14 Kolonien pro Quadratkilometer leben. Die Dichte von natürlich nistenden Kolonien in abgelegenen Wäldern ist also gering und Kolonien nisten einzeln in weit voneinander getrennten Baumhöhlen. Allerdings ist die Verteilung der Bienenkolonien nicht auf die Waldränder beschränkt. Sie leben auch tief im Wald, im Hainich auch mehrere Kilometer vom nächsten Bienenstand entfernt.  

Um zu testen, wie weit Bienenschwärme von “Imkervölkern” am Waldrand in das Waldgebiet eindringen würden, simulierten Kohl und Rutschmann solche Ereignisse und beobachteten am Waldrand aufgestellte Schwärme. Durch die Entschlüsselung der Bienentänze für Nisthöhlen, welche von den Spurbienen auf der Schwarmtraube aufgeführt werden, ermittelten sie, dass die Bienen vor allem im Umkreis von 500 Metern oder weniger nach Höhlen suchen. Diese Höhlen befinden sich größtenteils außerhalb des Waldes oder am Waldrand. Dieses Ergebnis legt nahe, dass tiefer im Wald befindliche Bienenbäume nicht direkt von entflohenen Schwärmen besiedelt wurden. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass Schwärme das Innerste des Waldes in mehreren Schritten, über mehrere Jahre hinweg besiedelt haben und wild lebende Honigbienen in unseren Wäldern auch über mehrere Generationen überdauern können.  

Das Fazit: Natürlich nistende Honigbienenvölker gibt es in deutschen Buchenwäldern, aber in geringer Dichte. Die Studie liefert den Startpunkt für eine genaue Erforschung der Populationsdynamik und Ökologie dieser wild lebenden Honigbienen in Europäischen Waldgebieten.  

“Naturnahe Buchenwälder in ganz Europa können durchaus ein Zuhause für wild lebende Honigbienenvölker sein, da sie genügend geeignete Nistplätze bieten. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten der Wald als Lebensraum für Bienen eine immer größere Bedeutung bekommen wird. Wenn Habitatbäume mit Schwarzspechthöhlen in bewirtschafteten Wäldern geschützt werden, hilft das womöglich auch den wild lebenden Honigbienen, welche bis zum jetzigen Zeitpunkt komplett ohne Schutz dastehen”, sagt Benjamin Rutschmann. “Es wird spannend sein, das Verhalten und die Lebensgeschichten der einzelnen Waldbienenvölker und deren Populationsdynamik zu studieren. Schon jetzt deutet unsere Studie an, dass immer eine gewisse Anzahl von Bienenvölkern wild in Waldgebieten leben. Das heißt: Egal wie lange das einzelne Bienenvolk im Wald überdauert, ständig werden wild lebende Honigbienen mit anderen Waldbewohnern interagieren. Dieser Aspekt der Honigbienenbiologie ist weitgehend unerforscht”, fügt Patrick Kohl hinzu.

Bienen-Baumhoehle
Bienen-Baumhoehle – Foto: Briam Cute auf Pixabay

BEEtrees-Projekt  

Im Rahmen des BEEtrees-Projekts werden natürlich nistende Honigbienenvölker in Europa erforscht. Die Wissenschaftler wollen deren Häufigkeit und geographische Verteilung erfassen, sowie das Nestklima und das Baumhöhlen-interne Mikro-Ökosystem untersuchen. Zudem interessieren sie sich für deren Überlebensraten, die Volksgröße, die Schwarmneigung, den Parasitenbefall sowie auch deren Gesundheitszustand.  

Das BEEtrees-Projekt, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist, freut sich über jede Unterstützung in Form von Spenden (Verwendungszweck: BEEtrees). www.biozentrum.uni-wuerzburg.de  

Zum neuen Forschungsartikel in der Zeitschrift PeerJ: doi.org (06.04.2018)

Wild lebende Bienenvölker in Baumhöhlen können hier jederzeit dem BEEtrees-Projekt gemeldet werden: www.hobos.de  

Bild Spechtbaum
Diese Eiche wurde wahrscheinlich vor 30 bis 40 Jahren stark verletzt und weist davon heute noch mittig eine lange Spalte auf, die in Zukunft zu einer Bienenhöhle werden kann. (Foto: Kristina Vonend)

Das Geheimnis verletzter Bäume

Unsere Wälder sind überwiegend Wirtschaftswälder. Alte, dicke Bäume sowie stark verletzte Bäume als auch Totholz finden sich kaum noch in unseren Forsten. Viele Bäume werden vor ihrer Lebensmitte gefällt. Doch der Trend geht hin zu Biotopbäumen.

Spechtbäume werden geschützt

Ein Biotopbaum ist ein Baum mit besonderer Bedeutung für die biologische Vielfalt. Die dafür nötigen Strukturmerkmale können ganz unterschiedlicher Art sein. Dazu zählen Spechthöhlen, Großvogelhorste, Faulhöhlen, Rindentaschen, Pilzkonsolen, Stammverletzungen mit intensiver Holzfäule, massiver Kronenausbruch, Blitzschäden, Stammbruch und sehr hohes Alter in Verbindung mit außerordentlich großem Brusthöhendurchmesser. Seit circa zehn Jahren ist der „Spechtbaum“ ein Begriff in der Forstwirtschaft. Spechtbäume sind abgestorbene, stehende Bäume im Wald, in die der Specht aber noch seine kleine Schlaf- und Bruthöhle zimmern kann. Nachmieter der Spechthöhle können Kohl- und Tannenmeise, Sperlingskauz, Hohltaube, Fledermaus, Eichhörnchen oder Siebenschläfer sein. Der Förster lässt die toten Bäume in seinem Wald stehen, um Spechten und anderen Tieren einen Unterschlupf anzubieten.

Bild Bienenwaben_Natur
Bienenwaben in der Natur – Foto: ujubee.com

Natürliche Bienenwohnung

Wenn heute ein großer Hauptast von einem lebenden Baum durch Blitz, Brand, Sturm oder Schneelast abbricht und Rinde und Stammholz mit sich herausreißt, fällt der Förster in der Regel schnell den Baum, bevor Fäulnis im Baum eintritt, die den gesamten Stamm für die Weiternutzung im Sägewerk wertlos werden lässt. Doch was für den Menschen vordergründig nutzlos erscheint, kann für die wild lebende Honigbiene ideal sein. Denn die Honigbiene ist von Natur aus ein Waldinsekt. Mit ihrem Volk besiedelt sie schon seit Millionen Jahren große Baumhöhlen im Wald und kann dort eigenständig ohne imkerliche Hilfe leben. Honigbienen sind in einer langen Entwicklung angepasst, den Großteil ihres Lebens in einer Baumhöhle zu verbringen. In den Höhlen gehen sie auch Lebensgemeinschaften mit anderen Organismen ein. Auch abgeschwärmte Bienenvölker sind auf solche Naturhöhlen angewiesen. Doch der Rückgang großer Nisthöhlen macht es der Honigbiene in ihrem natürlichem Umfeld „Wald“ heute sehr schwer.

Zurück zum hohlen Baum

Wie entstehen natürliche, große Baumhöhlen? Bäume mit einem Mindeststammdurchmesser von dreißig bis vierzig Zentimetern, die auf mindestens zwei bis drei Metern Höhe stark am Stamm verletzt wurden, können für wildlebende Honigbienen zu einem späteren Zeitpunkt ideal sein. Spätere Bienenbäume können auch größere Löcher, Ritzen oder Spalten haben. Nach mehreren Jahrzehnten kann sich daraus ein Baum mit einer Höhle im Stamm, ein sogenannter „Höhlen- bzw. Bienenbaum“, entwickeln. Innerhalb von 20 bis 30 Jahren kann die Fäulnis innwändig einen großen Hohlraum schaffen, den der lebende Baum gleichzeitig von außen zur Wundheilung selbst verschließt. Forstwirt Franz Lechner-Raith aus dem Landkreis Miesbach nimmt an, wenn ein Bienenvolk eine Höhle in einem lebenden Baum bezogen hat, „dass die Honigbienen ihren Ein- und Ausgang zur Bienenhöhle „durch Knabbern“ selbst freihalten.“

Ein für Honigbienen interessanter Baum kann aber über Jahrzehnte nur entstehen, wenn der stark verletzte Baum vorher nicht ganz abstirbt und natürlich nicht durch den Förster gefällt wurde. Forstwirt Franz Lechner-Raith ist der Meinung, „dass neben Spechtbäumen auch prädestinierte Bienenbäume im Wald geschützt werden müssen.“ Im Rahmen des Forschungsprojekts BEEtrees werden seit einem halben Jahr über die HOBOS-Webseite bereits natürlich nistende Bienenvölker und Bienenbäume erfasst.

Bienenevolk – Foto: PollyDot auf Pixabay

Gesucht: Wild lebende Bienenvölker in Bienenbäumen

Unsere westliche Honigbiene ist ursprünglich ein Waldinsekt und kam früher ganz ohne imkerliche Hilfe aus. Als Wild- und Waldtier kann sie mit ihrem Volk das ganze Jahr über in einem hohlen Baum bzw. einer Baumhöhle leben. Der Rückgang solcher natürlicher Nisthöhlen in Bäumen (Habitatsverluste), eingeschleppte Parasiten (z.B. Varroa-Milbe) und Blüten- bzw. Futtermangel durch eine Veränderung in der Landwirtschaft haben wahrscheinlich dazu geführt, dass wild lebende Bienenvölker in Deutschland selten geworden sind.

Die Forschungsplattform HOBOS (HOneyBee Online Studies, www.hobos.de) hat daher im Frühjahr 2017 das Forschungsprojekt BEEtrees („Bienenbäume“) gestartet. In diesem Rahmen sollen natürlich nistende Bienenvölker in Bäumen in ganz Deutschland, deren Häufigkeit und geographische Verteilung erfasst werden. Außerdem sollen das Nestklima und das Baumhöhlen-interne Mikro-Ökosystem Forschungsgegenstände sein. Ebenfalls sollen natürliche Lebensgemeinschaften mit anderen Organismen in den Baumhöhlen untersucht werden. Ziel des BEEtrees-Projektes ist es zu überprüfen, ob unbeimkerte Honigbienenvölker in unseren Wäldern künftig eine Überlebenschance haben.

Wildbienen auf Kap Peninsula in Südafrika – Video: ujubee.com

Es gibt sechs Blumenkönigreiche auf der Erde. Das Kap-Fynbos ist das kleinste, aber das artenreichste Blumenreich der Welt. Dieses Blumenreich wird von seinen Bestäubern am Leben gehalten. Apis mellifera capensis (Kap-Honigbiene) bestäubt mehr als 85% der Fynbosblüten. Ohne diese Bienen würden wir dieses Blumenreich verlieren. Die Bienen halten es zusammen. Sie sorgen für die biologische Vielfalt der Welt um uns herum. Wir müssen verstehen, wie sich diese Bienen an dieses erstaunliche Blumenreich angepasst haben und was wir tun können, um sie zu schützen. Bienen sterben derzeit weltweit, und wenn A. m. capensis sterben würde, würden wir diese Bienenrasse verlieren, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, um in dieser rauen Bienenwelt zu überleben. Ihre Erforschung ist von großem Wert, um die Langlebigkeit unserer natürlichen Welt zu gewährleisten. (übersetzt aus http://ujubee.com/)

Wenig Kenntnisse über wild lebende Bienenvölker

Unser Wissen über wild lebende Bienenvölker ist verschwindend gering. Wie sieht es in einer Bienenhöhle aus? Was geht dort vor sich? Wie relevant ist dieses Wildtier in unseren Wäldern? Wie wenig wir über diesen gesamten Komplex in unseren Breiten wissen, zeigt alleine die Tatsache, dass völlig unbekannt ist, wie viele wild lebende Bienenvölker es bei uns gibt und wo und wie sie wohnen. Benjamin Rutschmann aus dem HOBOS-Team dazu: „Es gibt sie überall in Deutschland, allerdings ist nicht klar, wie groß die Überlebensrate ist. In Deutschland sind über 100 Standorte bekannt, geben wird es Tausende da jedes Jahr tausende Schwärme „dem Imker entwischen“. Die Frage ist eben ob einige von diesen herrenlosen Schwärmen über längere Zeit überleben konnten und sich eine kleine Population von Völkern aufgebaut hat. So eine Population wäre sehr wertvoll für den gesamten Genpool der Honigbienen in Deutschland.“

BEEtrees – Meldung eines natürlich nistenden Bienenvolkes

Wild lebende Bienenvölker suchen sich meist eine Baumhöhle in mehreren Metern Höhe aus. Wenn im Sommerhalbjahr vor dem Flugloch in einem Baum Bienen ein- und ausfliegen und das Volk in der Höhle mit dem Wabenbau und der Aufzucht von jungen Bienen begonnen hat, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Baum mit einem natürlich lebenden Bienenvolk. Wild lebende Bienenvölker in Bäumen können dem HOBOS-Team über zwei Formulare auf der Homepage gemeldet werden: Eines ist zum Ausdrucken vorgesehen, das andere kann direkt am PC befüllt werden. Beide sollten dann mit mindestens einem Bild an das HOBOS-Team gesendet werden.

Bild beetree

Link zum Meldeportal www.beetrees.org (externe Seite)

Bild Biene_Bluete
Biene an Blüte – Foto: Myriam Zilles auf Pixabay

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